Ein Brief bringt die Revolution ins Rollen

Das Couvert war ihm schon aufgefallen, als er den Briefkasten geleert hatte. Seine Adresse in Grossbuchstaben von Hand geschrieben. Eine Überraschung.

Der 63-jährige ehemalige Journalist Peter Staub, genannt Pitch, kriegte nie persönliche Post. Jedenfalls schon sehr lange nicht mehr. Trotzdem war er nicht besonders neugierig, vermutete er doch eine neue Fundraising-Masche einer Schweizer Entwicklungsorganisation.

Dass dieser regnerische Dezembertag für sein weiteres Leben eine entscheidende Bedeutung haben sollte, konnte er noch nicht ahnen. Nach dem Mittagessen mit seiner Frau, die wie immer am Dienstag im Homeoffice arbeitete, sass er am kleinen Küchentisch und sah sich den Brief genauer an.

Auf der Rückseite des Couverts war als Absender handschriftlich und in Grossbuchstaben «VIC H. MONIA» und eine c/o Adresse einer Anwältin aus dem Jura aufgeführt. Vielleicht doch keine Marketingmasche, dachte Pitch. Doch neugierig öffnete er den dünnen Brief. Auf einer gelben Karte stand in platzfüllender grosser Schrift mit blauer Tinte:

«LIEBER PETER

BESTEN DANK

+

VIEL GLÜCK 

VIC»

In Form eines flachen Schlüssels lag zudem ein Memorystick im Couvert. Pitch wusste nicht, was er davon halten sollte. Er hatte noch nie etwas von einer Vic H. Monia gehört, die Anwältin war ihm ebenfalls unbekannt. Die Suchmaschine ergab bloss, dass sie im Jura und in Biel-Bienne als Anwältin arbeitete. Enttäuscht legte er Karte und Schlüssel wieder ins Couvert zurück. Den Stick wollte er sich am Donnerstag ansehen, nachdem er an seinen Office-Day seine zwei Bewerbungen pro Woche geschrieben hatte.

Den Dienstagnachmittag und den Mittwoch verbrachte er entspannt beim Lesen und gemeinsamen Spaziergängen mit seiner Frau. Als er am Donnerstagmorgen seine Arbeitslosten-Pflichten erledigt hatte, sah er sich leicht gespannt den Inhalt des Memorysticks an. Er fand drei Word-Dateien: «Lieber Peter», «Liebe (…)» und «Essay».

Pitch hatte keine Bedenken, die Dateien zu öffnen. Wer sollte bei ihm schon auf diese Weise einen Computervirus einschleusen wollen? Also öffnete er die an ihn adressierte Datei:

«Lieber Peter

Ich hoffe, ich erwische dich nicht auf dem falschen Fuss. Wir kennen uns nicht, aber deine Ideen und dein Engagement haben mich inspiriert. Ich schicke dir den beiliegenden Daten-Schlüssel im Vertrauen, dass du ihn in meinem Sinn verwendest.

Ich habe ein Pseudonym, um meine Familie und meine Freunde zu schützen. Der Essay auf dem Daten-Schlüssel wird Menschen herausfordern, die keine Skrupel kennen. Ihre Reaktion will ich meinen Liebsten nicht zumuten.

Aufgrund deiner Geschichte wirst du dem Druck der Reaktion standhalten. Wahrscheinlich lachst du sogar darüber.

Mir selbst kann nichts passieren, denn ich habe mein Leben vor ein paar Tagen mit Unterstützung einer Suizidhilfeorganisation beendet.

Meinen Essay hat vor dir noch niemand gelesen. Ich bitte dich, den Artikel kritisch zu gegenzulesen und ihn zu redigieren, wie du das als Journalist gemacht hast. Danach bitte ich dich, den Essay in amerikanisches Englisch zu übersetzen oder ihn übersetzen zu lassen.

Die dritte Datei auf dem Daten-Schlüssel ist mein Brief an (…). Bitte schicke ihr meinen Brief und den redigierten und übersetzten Essay.

Das Copyright für diesen Essay: ©Victoria Har Monia, CH-2500 Biel/Bienne, 2025 Ich vermache dir das Recht, nach meinem Tod persönlich über dieses Copyright zu verfügen und meinen Essay zu betreuen: Du entscheidest, wo und wie der Essay publiziert wird. Die Einkünfte gehen an dich. Mögen sie dir Glück bringen.

Viel Glück und viel Spass,

Vic»

Nachdem er den Brief das dritte Mal gelesen hatte, lehnte sich Pitch im Sessel zurück. Das musste er erst einmal verdauen. Eine Nachricht aus dem Jenseits quasi. Mit ein bisschen Schmus und einer klaren Bitte. «Lieber Peter», Vic kannte ihn wirklich nicht, sonst hätte sie ihn als «Pitch» angeschrieben. Dennoch vertraute sie ihm ihren Text an und überschrieb ihm gar das Copyright.

Die politische Lethargie, die sich in den letzten Monaten in sein Leben geschlichen hatte, war auf einen Schlag pulverisiert. Ein Pseudonym? Ein Essay, der Menschen herausfordert, die keine Skrupel kennen? Bei Pitch sträubten sich die Nackenhaare. Bevor er weiter über den Brief nachdachte, öffnete er die Datei «Essay».

Im Nachhinein konnte Pitch nicht mehr genau sagen, wie er auf die Lektüre des Essays «Für die Menschheit ist es Zeit, erwachsen zu werden» reagiert hatte. Er erinnerte sich vage daran, mehrmals gestöhnt und ein paarmal «Yes» gesagt zu haben. Er wusste, dass ihm Victoria Har Monia politisches Dynamit hinterlassen hatte.

Und er wusste, dass er nun schnell handeln musste. Also begann er zu funktionieren.

Er öffnete den Brief an die «Liebe (…)»:

«Liebe (…)

Dein Buch (…) habe ich mit grossem Interesse gelesen. (…) Dank deiner Arbeit, vertraue ich dir.

Ich lasse dir von Peter Staub meinen Essay schicken: «Für die Menschheit ist es Zeit, erwachsen zu werden». Ich hoffe, du kannst den Essay in (…) publizieren lassen. Falls (…) eine Publikation ablehnt, versuche bitte, den Essay woanders publik zu machen. (…) Interessant fände ich es, wenn die Redaktion parallel zur Publikation des Essays den darin erwähnte Frauen Gelegenheit zu einer Stellungnahme geben würde.

Ich habe den Essay auf Deutsch geschrieben. Peter Staub hat ihn in meinem Auftrag redigiert und übersetzt. Ich bitte dich, seine Übersetzung zu redigieren.

Peter Staub habe ich zu meinem Briefträger und Redaktor gemacht, weil ich ihn nicht persönlich kenne und somit keine Spur zu mir zurückzuverfolgen ist. Als Anerkennung seiner Arbeit übertrage ihm gern auch die Verwertung und Betreuung meines Copyrights.

Ich habe den Essay unter Pseudonym geschrieben, um meine Freunde und meine Familie vor Repressalien zu schützen. Um Peter Staub mache ich mir keine Sorgen.

Er engagiert sich schon lange für eine gerechte Welt und ist dabei grössere Risiken eingegangen, als meinen Essay an dich weiterzuleiten. Mehr Informationen über ihn findest du unter (...).

Mein Essay soll den Menschen einen Weg aufzeigen, wie sie gemeinsam Krieg, Elend und Gewalt überwinden können, sodass alle Menschen ein ähnlich schönes Leben führen können, wie es mir vergönnt war.

Im Essay habe ich bei meinen biografischen Details ein wenig geflunkert, um zu verhindern, dass hinsichtlich meiner echten Person spekulative Schlüsse gezogen werden. Wahr ist garantiert, dass ich nicht mehr lebe. Meine Anwältin hat meinen Brief an Peter Staub eine Woche nach meinem Tod der Post übergeben.

Mein Essay wird auf teilweise heftigen Widerstand stossen. Ich hoffe aber, dass er die nötige Energie freisetzt, die es braucht, damit die Menschheit Gewalt, Ausbeutung und Zerstörung überwinden kann, sodass auch noch die Enkelkinder unserer Enkelkinder ein würdiges Leben in einer intakten Umwelt geniessen können.

Good luck and all the best

Victoria Har Monia

PS. Für Details wende dich bitte an Peter Staub.»

Pitch haderte damit, den Stick zwei Tage lang unbeachtet liegen gelassen zu haben. Obwohl er als Journalist ohne Anstellung und als Revolutionär politisch isoliert war, ging er weiter davon aus, dass seine Kommunikation kontrolliert wurde. Er war wahrscheinlich nicht der Erste, der Victoria Har Monias Essay gelesen hatte.

Also galt es nun, schnell zu handeln. Bevor überall die Schotten dicht waren.

Allerdings gab es noch zu tun. Um den wenig gegliederten Text zu redigieren, brauchte er mindestens zwei Tage, schätzte Pitch. Am Freitag wollte er der Journalistin keine Mail senden. «Am Freitagnachmittag fallen Nachrichten durch». Das hatte als Journalist gelernt.

Im Rückblick konnte Pitch nicht sagen, was Har Monias Essay bei ihm gefühlsmässig ausgelöst hatte, seine Erinnerung an die ersten Tage danach ist verschwommen. Am Wochenende verhielt er sich wie immer. Aber während seine Frau Schularbeiten korrigierte, recherchierte er Möglichkeiten, den Essay an die von Har Monia ausgewählte Journalistin zu schicken.

Den postalischen Weg schloss er aus, obwohl sich Victoria so bei ihm gemeldet hatte. Das dauerte viel zu lange. Er fand zwei Möglichkeiten über ihren Verlag und ihre Agentin mit der Journalistin in Kontakt zu treten. Und war sich fast sicher, ihre E-Mail-Adresse bei ihrem Magazin herausgefunden zu haben.

Nachdem seine Frau am Montagmorgen zur Arbeit gegangen war, gab Pitch Victoria Har Monias Essay den letzten Schliff. Er hatte nun viermal darüber schlafen können und war sich sicher, dass der Text nun gut funktionierte. Bei Doodle richtete er sich ein Konto ein, um den Brief an die Journalistin und den Essay auf amerikanisches Englisch übersetzen zu lassen.

Am Nachmittag des zweiten Montags im Dezember 2005 schickte er seine Nachrichten ab. Dann passierte das, was Pitch befürchtet hatte. Es passierte nichts. Es passierte bis Ende des Jahres nichts. Und auch im Januar erhielt er keine Reaktion.

Immerhin hatte Pitch genügend Zeit, langsam zu erfassen, was ihm Victoria Har Monia hinterlassen hatte. Pitch hat eine politische Vergangenheit.

Auf diese spielte Har Monia mit ihrer Bemerkung an, dass sie sich von ihm inspirieren liess. Aber Pitch war sowohl als Pitch wie auch als Peter Staub ein fast vollständig Unbekannter. Er hatte weder Beziehungen zu wichtigen Leuten, noch hatte er einen Verlag, der ihn unterstützte. Er war weder auf Social Media unterwegs, noch kannte ihn Wikipedia. Wie kam Har Monia ausgerechnet auf ihn?

Ausgerechnet er, der seine «Erklärung von Biel-Bienne» als bezahltes Inserat publizieren musste, um seinen Ideen wenigstens für ein paar Tage Gehör zu verschaffen. Ausgerechnet ihm sollte es gelingen, die Welt davon zu überzeugen, dass Victoria Har Monias Essay «Für die Menschheit ist es Zeit, erwachsen zu werden», die Welt fundamental verändern wird. Warum hatte sie nicht eine der bekannten Frauen beauftragt, die sie in ihrem Essay als Vorbilder erwähnt? Sollte Pitch versuchen, eine von ihnen kontaktieren?

Er fand darauf lange keine Antworten. Also übte sich in der schwierigsten Aufgabe und der wichtigsten Fähigkeiten eines Revolutionärs: Er übte sich in Geduld und dachte nach.

Der Frühling ging ins Land. Har Monias Essay war im Datendschungel verloren gegangen.

Schliesslich besann sich Pitch darauf, was er gelernt hatte, als Aktivist und als Journalist.

Pitch kam vom Denken ins Handeln. Er begann, für Victoria Har Monias Essay eine Website zu konstruieren.

Als Publikationsdatum wählte er den 1. August 2006, den er gemäss der neuen Zeitrechnung als 1. Vicotria -006 bezeichnet.

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